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Der gute Gott vom Wörthersee – Beitrag für literaturcafe.de

12. Juli 2012

Klagenfurt ist eine interessante Stadt. Nur hier kann man sich vorstellen, dass so etwas überhaupt funktioniert: den halben Literaturbetrieb der deutschsprachigen Länder für vier bis fünf Tage auf engem Raum (in mehrfacher Hinsicht: denn das Studio des ORF Kärnten ist nicht groß, der Lendhafen – wo man die Lesungen auf Großbildschirmen verfolgen konnte – ist nicht weit davon entfernt, und überhaupt ist Klagenfurt erstaunlich übersichtlich) zu versammeln, sich mehr als fünf Stunden am Tag quasi gegenseitig etwas vorlesen zu lassen und am Schluss zu den ziemlich gleichen Urteilen zu kommen wie das Jahr davor, sowie zu der überraschenden (#not) Erkenntnis, dass selbst innerhalb dieses Betriebes unterschiedliche Leute die unterschiedlichsten Dinge für großartige Literatur halten – und umgekehrt.
Aber: Alle Jahre wieder. Ich bin jedenfalls dieses Jahr um die Erfahrung reicher, dass es vor Ort noch um einiges mehr Spaß macht, als diese Veranstaltung vor dem Fernseher und im Internet mit Gleichgesinnten zu teilen, vor allem weil der abendliche Teil am Lendhafen (und in Folge im Theatercafe && || im Teatro) nicht übertragen werden. Auch entgehen einem vor dem Fernseher der Hugo-getränkten Empfang anlässlich der Eröffnungsveranstaltung und die bürgermeisterliche Einladung. („Hugo“ stellt sich übrigens für die Niederösterreicherin schnell als ordinärer „Kaiserspritzer“ heraus, den findige Kärntner mit ein paar Minzblätter südländisch veredelt haben.) Man süffelt also in Klagenfurt den Hugo, bewundert die unwirklich himmlische Farbe des Wörthersees und sinkt dabei mit den Absätzen der schönen Schuhe weiter und weiter in den Rasen ein.
Klagenfurt ist auch die einzige Stadt, in der ZuhörerInnen im Kanu angereist kommen (wenige) oder sich unter Lebensgefahr mit Fahrrädern am hier ebenfalls südländisch anmutenden Straßenverkehr beteiligen (viele), um nach langen Nächten mit dazu korrelierend zu kurzen Schlafphasen vor dem Studio oder am Kanal darauf zu warten, dass die Jury endlich aufhört nett zu sein. Irgendwie hat man nämlich schon insgeheim eingesehen, dass es unsinnig ist, jedes Jahr wiederholt darauf zu warten, das Rad werde neu erfunden. Auch die Hoffnung auf Goetz’sche Aktionskunst ist weitgehend unberechtigt, muss man sich eingestehen, da dergleichen von LiteratInnen heute eher als peinliche Effekthascherei gesehen wird. (Beispiel dazu: Nackt ausziehen auf der Bühne im Literaturhaus Wien während eines Poetry Slams? Reaktion: Müdes Abwenden im Publikum.) Was wäre das auch für eine Literatur, die ohne den performativen Akt nicht mehr auskommt. So geben sich SchriftstellerInnen, VerlegerInnen und Jury der süßen Versuchung des kollektiven Hugo-Rausches hin, schwingen fast unsichtbar zur leise wehmütigen Musik am Lendhafen die Hüften und freuen sich des Lebens. Wem dabei zu heiß wird, der fährt zum See, manch einer versucht so in türkiser Badebekleidung mit dem Wasser (optisch) und dem Moment (innerlich) eins zu werden. Auch die anwesenden Vertreter der Medien hugon sich ein bisschen ein, vergessen darüber manchmal, wer von wem eingeladen wurde und warum überhaupt alle hier sind, außer weil es so schön ist. Wenn Gott irgendwo wohnt, dann am Wörthersee, denke ich mir ein-, zweimal, wenn abends die Sonne darin versinkt und die Segel sich mühen, das letzte Licht zu fangen, als wären die Boote solarbetrieben und hätten es nötig.
Am Sonntag geht auf einmal alles ganz schnell und jeder ist plötzlich etwas oder nicht, ich im konkreten Fall Stadtschreiberin von Klagenfurt für das nächste Jahr – das trifft sich gut, ich wollte sowieso wiederkommen. Beim letzten Essen in Maria Loretto stellt sich ein Mann mit freundlichem Gesicht und etwas längerem, ergrautem bis erweißtem Haar zu mir, duzt mich vertraulich, ohne sich vorzustellen, erzählt mir von zwei Kindern und lädt mich ein, mich im nächsten Jahr zu melden, gerne dürfe ich ihn besuchen, wenn ich wieder hier in Klagenfurt bin. Aber seine Telefonnummer gibt er mir nicht. So unvermittelt wie er aufgetaucht war, ist er wieder weg, zurück bleibt nur das Gefühl, dass ich ihn hätte kennen sollen, kurz denke ich gar, dass es vielleicht der Wörthersee-Gott war, der Literatur-Gott oder sonst eine göttliche Erscheinung. Die Kandidaten um mich herum, bepreist wie unbepreist, haben noch ein bisschen Kraft zum Lächeln, wir lächeln gemeinsam den diesjährigen Abschied herbei.
Am Bahnhof lese ich die ersten Mails mit Benachrichtigungen über Medienberichte. Wie es scheint wurde ich – unter dem Einfluss der „Backshop-Prosa“ (Zitat Jurydiskussion) meiner Vor-Leserin und meines eigenen Videoporträts – zu einer Art „Working Class Heroine“. Manche müssen sich wundern, dass die „Betreiberin“ eines dieser „dämlichen Bubble-Tea-Läden“ durchaus annehmbare Prosa zustande bringt und ich denke ganz, ganz heimlich bei mir, dass im Vorteil ist, wer Autorinnenbiografien lesen kann, beziehungsweise, dass es manchmal auch nicht geschadet hätte, wenn statt weißem Wein grüner Tee im Hugo gewesen wäre. Überhaupt scheint Bubbletea-Bashing gerade ein wenig in Mode, was von Leuten, die ich verdächtigen würde, zu Konsumenten von „White Choco Macchiato Frappe“ zu gehören, ein wenig unreflektiert ist. Beim Warten auf den Zug frage ich aus einer Eingebung heraus Leopold Federmaier, ob es sein kann, dass der grauhaarige Mann von eben Josef Winkler war, woraufhin sich Leo an die Stirn fasst, weil ihm einiges klar wird. Nachdem Herr Winkler auch von Herrn Federmaier nicht erkannt wurde, obwohl sich die beiden schon einmal mehrere Tage lang gemeinsam in heißen japanischen Quellen einweichten, fühle ich mich nur mehr halb so schuldig.
Zum Abschied denke ich noch einmal an die Jurydiskussionen, zum Beispiel die von Leo Federmaier, der die Jury fotografierte, um der Situation Herr zu werden, sein Herz zu beruhigen, und nicht angesichts der Kritik einer Rhythmusstörung zu erliegen, und an meine, besonders an die Stelle, an der Paul Jandl sagte, ihm sei nicht klar, wo im Text der Hund begraben liegt, und ich zum Glück den Mund halten und verhindern konnte, dass mir herausrutscht: „Steht doch da, unter dem Kirschenbaum.“

(Originalbeitrag für www.literaturcafe.de)

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4 Kommentare leave one →
  1. 12. Juli 2012 16:07

    hihi 🙂 ich hab auch ein zeitl gebraucht, um zu begreifen, dass das der herr w. ist, der die ganze zeit so herumtigert – und auch dieses jahr ist er wieder herumgetigert (anders kann man es nicht nennen); bei deiner lesung hat er aber sehr brav stillgesessen und zugehört! (ich hätte dich also schon vorher aufklären können … 😦 ) (aber famos, dass sich also eine wörtherseegottheitserscheinung als herr w. herausstellt)

    – also nimmst du die herausforderung als stadtschreiberin an? (da muss krems dann wohl wieder viel schnaps spendieren…)

    dem herrn jandl hättest du aber auch mal zeigen sollen, wo der hund begraben liegt/wie der hase läuft; ich hab letztens die statuten des preises gelesen und da steht irgendwie drinnen, dass der autor das recht hat zu reden und ein schlusswort zu halten. (ich frage mich die ganze zeit, ob ich irgendwas überlese oder welchen teil ich nicht verstanden habe… http://bachmannpreis.eu/de/bachmann_preis/3977 – punkt 6. (ich frage mich jetzt: ist das allgemein nicht bekannt oder traut sich niemand oder oder?)

    • frautravnicek permalink*
      12. Juli 2012 16:15

      Das ist allgemein bekannt und gleichzeitig genauso allgemein verpönt.

  2. 12. Juli 2012 20:02

    Es ist ein sinnloses Spiel, ich weiß.
    Doch ab und dann spielt mein Hirn sinnlose Spiele.
    Ich sehe dich und Olga, wie ihr euch einen Spaß erlaubt  und vorher
    die Texte tauscht. Olga liest die Hundebestattung und du die
    Geschichte von der ägyptischen Prinzessin.
    Zuerst dachte ich, wenn schon ein sinnloses, so vielleicht ein lustiges
    Spielchen, dieser Rollentausch.
    Doch dann ging sie genauso aus, wie die wirkliche Geschichte. Langweilig.
    Zu dir meinte die hochwürdige Jury, dass das mit der Prinzessin eine
    Jungmädchenphantasie gewesen sei, wie überhaupt das Hüpfen durch
    die Zeit ziemlich aufgesetzt und unausgereift rüberkam. 
    Olga hingegen bekam den Bachmannpreis und wurde gelobt
    wegen der genialen Idee, den Vater, den Hund und das Reh auf eine
    so feinsinnige Art und Weise zu verknüpfen und das in einer Sprache,
    die man der Protagonistin durch und durch abkauft. 
    Irgendwie komisch, ich hatte noch keinen einzigen Text gelesen und
    dachte mir vorab, nur aufgrund von Olgas Frisur, die eine Mischung aus
    Herta Müller und Haderlap ist, dass sie dieses Jahr gewinnen wird.
    Sollte man darüber nachdenken? Nein! Mein Hirn spielt manchmal
    sinnlose Spiele. Aber das habe ich ja schon erwähnt.
    Gratuliere zum Publikumspreis und zum Stadtschreiber.

  3. 19. Juli 2012 19:44

    Von meiner Seite, unbekannterweise, aber nicht ohne Sympathie: Herzlichen Glückwunsch zum Publikumspreis und die Einladung, einen Blick auf die „Jury in der Einzelkritik“ zu werfen. Auf kommentarblog.

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