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Art starts here.

29. Juni 2012

Im „The Gap“ Nr. 116 bin ich, als es darum geht meinen Arbeitsplatz herzuzeigen, auf einem Sofa zu sehen:

 

In dieser aktuellen Publikation unter dem Titel „Wo Kunst entsteht“ sieht man mich in einer Hängematte. Warum? Das erklärt dieser kleine Text….

 

„Die Welt ist mein Schreibtisch

Du gehst. Du gehst, und du siehst nicht deine Bekannten, die in ihren Autos vorbeifahren und unvermittelt hupen, so dass du vor Schreck fast über das Brückengeländer in den Fluss gesprungen wärst, der im Sommer nahezu kein Wasser führt. Du gehst, und du erkennst deine Freunde nur, wenn sie sich dir in den Weg stellen und dich laut grüßen, weil du in Gedanken über deine Figuren sprichst, mit deinen Figuren sprichst, Sätze formst. „Es tut mir leid, ich habe nachgedacht“, sagst du, und schenkst deinen Freunden die Andeutung eines Lächelns, während du noch an den letzten Wörtern festhängst, die eben in deinem Kopf waren.

Du siehst aus dem Fenster der Straßenbahn, des Zuges, des Autos. Die Landschaft ist eine Leinwand, auf der deine Geschichte vorbeizieht. Menschen überschreiten die Grenze, aus der realen Welt in die Geschichte hinein, manchmal aus der Geschichte heraus. Geister, die du riefst.

Du liegst im Bett und solltest schlafen, deine eigenen, persönlichen Träume träumen, aber du schläfst nur halb und träumst Bücher. In dir selbst trittst du einen Schritt zurück und siehst das große Ganze eines Textes, eine strahlende Einheit, die du ohne Beschreibung glücklich erfasst, und wünschst dir, es gäbe eine Maschine, die deine Augen scannen und direkt aus deinem Blick das fertige Manuskript abfotografieren könnte, ohne das Warten darauf, dass es Stück für Stück, szenen- und seitenweise aus dir herauströpfelt, geborgen werden muss, entstellt durch den Vorgang des Niederschreibens.

Geschrieben habe ich auf Klapptischen im Zug, auf meinem Schoß in der Straßenbahn, aber nie im Auto, weil ich beim Autofahren nicht einmal lesen kann. Geschrieben habe ich auf Kaffeehaustischchen, auf Barhockern und auf Heurigenbänken. Mit einem Stift in ein Notizbuch, mit einem Finger in die App meines Handys, auf der Tastatur meines Computers. Die Welt ist die Möglichkeit eines Schreibtisches. Ich bin im Grunde eine bewegte Schreibende.

Einen Schreibtisch zu haben ist eine Herausforderung, die sich einem jeden Tag aufs Neue präsentiert. Ein Schreibtisch bittet eindringlich darum, benutzt zu werden. Man kann sich nur dagegen wehren, indem man ihn unter Papier und Büchern verbirgt.

Ein Schreibtisch ist die Möglichkeit einer Welt.

Ich hatte früher nie einen eigenen Schreibtisch. Ich hatte einen Tisch in meinem Kinderzimmer, auf dem ich Hausaufgaben machte. Ich hatte einen Esstisch in meiner Wohnung in Wien. Es gab fremde Tische in verschiedenen Häusern, auf denen ich zeitweise schreiben durfte. Es gibt immer wieder Tische, denen vor allem die Aufgabe zukommt, einen Monitor auf sich und einen Computer unter sich stehen zu haben, und geduldig das Papier zu bewachen, das darauf wartet, sortiert zu werden, und die Bücherstapel, die gelesen werden wollen. Keines meiner bisherigen Bücher wurde von mir am Schreibtisch sitzend verfasst.

Seit kurzem steht ein Schreibtisch in meinem Zimmer. Ich umkreise ihn furchtsam. Ich weiß noch nicht, ob ich die Herausforderung annehmen werde – wer weiß schon, welche Welten dort auf mich warten und wie sich mein Schreiben verändert, wenn es auf einmal auf einen Ort konzentriert wird.“

 

 

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One Comment leave one →
  1. 30. Juni 2012 09:52

    Träume passieren. So wie Gefühle passieren. Man spürt sie als Ganzes, ist Teil des Ganzen. Doch wie schreibt man ein Ganzes auf? Ist nicht jeder Text die Suche nach Bruchstücken und der Versuch sie wieder zusammenzufügen? Nun mal ehrlich: Wer weiß schon vorher, wo man diese Bruchstücke findet – und wer könnte auf dieser Suche stets seinen Schreibtisch mitnehmen. Rein von der Logistik her. Ganz zu schweigen, wie da die Schaffner, Kellner und Parkwächter reagieren würden, wenn jeder Autor seinen eigenen Schreibtisch im Schlepptau hat. Nicht immer freundlich vermutlich. Nein, da ist mir der Halbschlaf, das «Halbganze« lieber. Zuhause auf der Couch oder wo auch immer. Er scheint wie ein Tanzen zu sein. Vielleicht das schönste Tanzen überhaupt. Ein Tanzen mit sich selbst, in sich selbst. Für Schreibende sollte es Brillen geben, mit aufgemalten Augen. So könnten sie unbemerkt im Halbschlaf durch die Welt gondeln und ihre Geschichten erträumen.
    Das mit dem Scanner wäre natürlich auch eine Lösung 🙂

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