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Wir, die niemand haben will

13. Dezember 2010

Ich schreibe diesen Beitrag nicht nur wegen der aktuell wieder aufkommenden Diskussion um Studiengebühren, sondern vor allem auf Grund vieler Beobachtungen, die ich über das letzte Jahr hinweg in meinem eigenen Umfeld angestellt habe. Dieser Text ist mit Sicherheit etwas emotional gefärbt, die Beobachtungen sind eben meine persönlichen Beobachtungen und darum für jeden anderen genauso falsch wie richtig – das vorweg.

„Wir dürfen uns nicht beschweren, denn wir sind keine Nachkriegskinder, die nichts hatten.
Wir haben älteren Menschen wenig zu erzählen, denn wir waren bei den weltbewegenden Dingen zwischen 1965 und 1990 nicht dabei – wenn, dann höchstens als Kleinkind.
Wir müssen wissen, dass es uns gut geht, denn das Fernsehen zeigt uns täglich viele denen es schlechter geht.
Wir wurden von unseren Eltern in dem Glauben aufgezogen, dass Bildung und Wissen das wichtigste Gut auf unserem Lebensweg seien.

Jetzt sind wir Studentinnen und Studenten. Viele von uns sind die ersten in ihren Familien, die einen Hochschulabschluss haben oder haben werden. Genauso viele von uns sind am Land verankert und freiwillig oder unfreiwillig in der Stadt zu Hause. Wir haben oft ein oder zwei Geschwister, die zum Teil noch von unseren Eltern versorgt werden. Unsere Eltern haben wahrscheinlich ein Haus gebaut, für dass sie noch den Kredit abzahlen müssen. Wir arbeiten meist selbst. Unsere Arbeitsverhältnisse sind oft „flexibel“ – das heißt, dass man uns geringe Bezahlung bei noch geringerer Sicherheit bietet. Zuerst gab es für uns die Studiengebühren, nun hat man uns ohne Vorwarnung die Familienbeihilfe gestrichen.

Als wir jünger waren, hat man uns erzählt, dass man „nur mit einer Matura“ heute sowieso keine gute Arbeit mehr bekommen würde. Jetzt sagt man uns, wir wären zu viele für die Universitäten, für die unsere Eltern seit ungefähr 25 Jahren Steuern zahlen. Haben wir endlich einen Abschluss, wird es keine Forschungseinrichtungen außerhalb der Universität mehr geben, die nicht durch private Geldgeber am Leben erhalten und dafür auch in ihrer Forschung gelenkt werden. Haben wir schon einen Studienabschluss und wollen weiter studieren, bekommen wir für unsere Bemühungen noch ein weiteres Studium abzuschließen, sowieso keine Studienbeihilfe mehr. Wir machen in der Zwischenzeit unterbezahlte bis unbezahlte Praktika. Die Gesellschaft erwartet von uns, dass wir Kinder bekommen, für die in unserem Leben bis zu unserem 30. Geburtstag wahrscheinlich weder Zeit noch Geld da sein wird. Wir sollen, sobald wir Vollzeit arbeiten, das aktuelle Pensionssystem finanzieren und selbst am besten nie in Pension gehen.

Man will von uns vor allem eines, und das ist Leistung und Geld. Unsere Wählerstimme will man nicht, weil dafür sind wir anscheinend zu wenige.“


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Infos und Fakten:
• Zuerst Studiengebühren, dann keine Familienbeihilfe mehr für den Abschluss.
• Berechnung der Studienbeihilfe an Hand der Einkommen der Eltern, die oft nicht der Realität des verfügbaren Kapitals entsprechen – so wird bei den Berechnungen das Studieren eines Kindes zur spürbaren Belastung der restlichen Familie. (Manche Eltern wollen das Studium nicht unterstützen, hier muss der Unterhalt eingeklagt und das Zerbrechen der Familie hingenommen werden.)
• Keine Studienbeihilfe für Leute mit Mehrfachstudium (das gleichzeitige Studieren wurde gleichzeitig mit der Umstrukturierung nahezu unmöglich gemacht und die Interdisziplinarität durch die Beschränkung der Wahlfächer vermindert) – so werden die bestraft, die fleißig sind.
• Jetzt vielleicht noch einmal Studiengebühren und das gleich nach einer Kürzung des realen Jahreseinkommens um fast 3000 Euro durch den Wegfall der Familienbeihilfe. Bei einem (hoch) geschätzten studentischen Einkommen im Jahr von ca. 10000 Euro netto (bei gut bezahlten 20-25 Stunden Arbeit die Woche) sind Studiengebühren von zum Beispiel geforderten 500 Euro im Jahr 10% des Jahreseinkommens.
• Die 20 Stunden Arbeit müssen neben (aus ECTS umgerechneten) 37,5 Stunden Aufwand die Woche für das Studium geleistet werden.
• Akademikergehälter in Österreich entsprechen leider nicht den anscheinend astronomischen Vorstellungen (die oft aus amerikanischen Fernsehsendungen über Elite-Studenten aus komplett anders strukturierten Systemen entnommen scheinen). So ist der Vorsprung an Einkommen, den ein Lehrling gegenüber einem Studenten alleine bis zum Abschluss des Studiums aufbaut in vielen Fällen gar nicht mehr aufzuholen. Die angeblich so hohen Gehälter von Akademikern werden nach dem österreichischen Steuersystem auch wieder höher besteuert – generieren wir also nicht genug für die Gesellschaft?

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One Comment leave one →
  1. 13. Dezember 2010 23:44

    … und wenn man dann das zweifelhafte Glück hat in so einer außeruniversitären Forschungseinrichtung unterzukommen – wo man wenigstens ein bißchen mehr verdient als auf der Uni – so darf man tagein tagaus zusehen, wie für die Forschung dediziertes Steuergeld stinkreichen in- und ausländischen Großkonzernen in den Rachen gestopft wird. Während man selbst unter der strengen Aufsicht von total inkompetenten und überbezahlten Wirtschaftlern (sorry) trickst und besche*ßt, damit das Ganze der Bevölkerung im Nachhinein irgendwie als Forschung dargestellt werden kann. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Ich wollte ich wäre wieder so naiv und unwissend wie davor.

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